Donnerstag, 31. Oktober 2013

FRAUEN und BÜCHER - Stefan Bollmann

Frauen lesen, um zu leben, nicht selten auch, um zu überleben. Im Lesen riskieren sie Gefühle, versetzen sie sich in fremde Figuren und Welten, entdecken sie ihre eigene Wahrheit.“
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Und du gute Seele, die du eben den Drang fühlst wie er, schöpfe Trost aus seinem Leiden, und lass das Büchlein deinen Freund sein, wenn du aus Geschick oder eigener Schuld keinen näheren finden kannst.“
Diese Anfangsworte des Goethe'schen Meisterwerks „Die Leiden des jungen Werther“ beschreiben in treffender Weise, welch existentielle Bedeutung Literatur haben kann. Das Buch als Freund; die Protagonisten, die ebenso empfinden, wie man es eigentlich selbst tut; die Geschichte, als Heilung. Lesen ist demnach identifikatorisches Lesen, emotionales Mitempfinden.
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Und genau hierum geht es in Stefan Bollmanns neuester Publikation. Nach Promotion und Studium der Literatur, Geschichte und Philosophie widmete sich der ehemalige Hochschullehrer der Aufgabe eines Lektors und hat seitdem zahlreiche Werke zur Leidenschaft des Lesens veröffentlicht.
Das Lesen, eine im 18. Jahrhundert in den Bereichen Tradition, Gelehrsamkeit und Religion durchweg männliche Domäne, sei mittlerweile, so seine These, restlos weiblich geworden. Somit erhält es eine Funktion, die das bloße Verständnis aneinandergereihter Worte bei weitem übertrifft. Lesen wird geistige Nahrung, Lebensglück – ja sogar zum zweiten Leben!
Dieser enorme Bedeutungszuwachs wird von der Leseforscherin Maryanne Woolf als „deep reading“ bezeichnet, eine Lektüre, die bis in die Tiefe dringt, auf das Leben einen prägenden Einfluss ausübt, die Seele berührt und sich grundlegend vom rein informativ geleiteten Lesen unterscheidet.
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Bollmann liefert in einer Kombination aus historischem Abriss, biographisch inspirierten Darstellungen sowie den unterschiedlichsten Bedeutungsnuancen des „deep reading“ eine ebenso informative wie hochinteressante Erklärung aller Phänomene, die das Wesen weiblichen Lesens ausmachen.
Vom Frauenroman über den Briefroman, bis hin zur modernen Fanfiction; in den Blick genommen werden verschiedene Genres und daneben verschiedene “Bücherfrauen“, zu denen Jane Austen, Virginia Woolf, aber auch Marilyn Monroe gehören. Die Leserinnen – und natürlich auch die Leser - erhalten zahlreiche Hintergrundinformationen zum Thema Literatur und Leidenschaft, z.B. die Tatsache, dass niemand geringeres als Klopstock im Jahr 1750 die Dichterlesung erfand und als Lohn für seine Mühen, Küsse kassierte.
Wie gefährlich es sein kann, sich der Leidenschaft Literatur vollends hinzugeben, haben etliche Beispiele bewiesen, der prominenteste Fall sicherlich Goethes Werther. Auch hierzu findet sich ein Kapitel, dass jenes exzessive Lesen genauer beleuchtet.
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Zeitgenössische Gemäldedrucke eröffnen zumeist die entsprechenden Themen, so etwa die Illustration zur Dämonisierung des Lesens. Auch hier hinterlässt der Band überaus lohnenswerte Eindrücke. In hochwertiger Verarbeitung und einer – unter der Schutzhülle – liegenden bronze-/gold- glänzender Bindung ist auch dieses Buch Stefan Bollmanns dazu geeignet, zu einem wahren Schatz zu werden. Ein Schatz, der in die zweite Welt der Literatur einführt. Eine Hommage an die schönste aller Leidenschaften: Das Lesen!
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Fazit: Tief beeindruckt, bewegt, an Informationen bereichert und dankbar bleibe ich zurück. Ein Buch, das nicht nur das Herz vieler Frauen (und Männer), sondern gerade auch professionell im Bereich Literatur tätiger Menschen höher schlagen lässt. Jedem Germanist, Literat und Bücherfreund unbedingt zu empfehlen. Hervorragend! 

5 Sterne! 

Weitere Informationen bei DVA!

- Eine Lektüre, die man sich wirklich nicht entgehen lassen sollte!- 

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