Freitag, 1. Februar 2013

Mutter, wann stirbst du endlich? - Martina Rosenberg


„Ich kann nicht mehr aufhören. Ich weine um sie und um mich und um all sie sinnlosen, grausamen Jahre, die nun endlich hinter uns liegen.“
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Krankheit, Alter und Tod gehören in unserer lifestyleorientierten Erlebnisgesellschaft zu den beliebtesten Tabuthemen. Sie werden ausgeblendet, verdrängt, totgeschwiegen. Und dennoch handelt es sich um unvermeidbare Vorgänge, die einen jeden von uns früher oder später betreffen. Ein unausweichliches Schicksal. Gerade deswegen ist eine ernsthafte Auseinandersetzung umso wichtiger, ja geradezu zwingend erforderlich.
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Der nur auf den ersten Blick reißerisch wirkende Titel des Buches steht für das überaus authentische Eingeständnis einer Tochter, die durch den sowohl körperlichen wie auch geistigen Zerfall ihrer Mutter am Ende aller Kräfte angelangt ist. Ein Zustand völliger Verzweiflung.
Nach der Diagnose einer Demenz bei ihrer Mutter und dem bald darauf folgenden Schlaganfall des Vaters fühlt sie sich als Tochter verpflichtet, die Pflege der Eltern zu übernehmen. Es dauert nicht lange, bis ernste Probleme zu Tage treten. Als massiv nachteilig erweist sich nun das Leben in einem Mehrgenerationenhaus. Durch die räumliche Nähe ist es unmöglich, abzuschalten; Distanz zu entwickeln. Die Probleme des Alltags sind omnipräsent. Nach kurzer Zeit wird es zu einer kaum zu bewältigenden Belastung, zwei Familien zu managen. Der Alltag wird hektischer, die Autorin selbst leidet körperlich und seelisch unter dem Abbau ihrer Eltern. Ebenso kommt es nicht selten zu erschütternden Situationen, wie z.B. dann, wenn die Mutter nachts orientierungslos mit aller Kraft um Hilfe schreit.
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Der Text beleuchtet ebenfalls die emotionale Kompetente. Die Eltern sind die ersten Personen, denen vertraut wird, die Halt bieten und Liebe schenken. Vor allem die Mutter! Zusehen zu müssen, wie beide langsam vor sich hin “verfallen“ und jeden Tag ein stückweit mehr sterben ist eine Erfahrung, die man wirklich niemandem wünscht. Streitigkeiten zwischen den Elternteilen, die mangelnde Kompetenz des Vaters zu Empathie mit seiner Frau, der verstärkte Generationskonflikt und die unterschiedlichen Möglichkeiten einer Pflege, zu denen Heim und diverse Pflegedienste zählen, gehören hier zu den Problemen, die sich im Vergleich zu innerseelischen Konsequenzen auf Seiten der betroffenen “Kinder“ noch leicht bewältigen lassen.
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Martina Rosenberg bietet ihren Lesern einen ebenso schockierenden wie zutiefst bewegenden Erfahrungsbericht zur Pflege der eigenen Eltern. Authentisch und unverblümt beschreibt sie all die Herausforderungen, denen sie sich hat stellen müssen und die Belastungen, die sie all die Jahre hat überwinden müssen. Der Text sensibilisiert wie kein weiterer für jene Sorgen, die kranke Eltern im Alter bedeuten können. Er verleiht all denen eine Stimme, die selbst eine vergleichbare Situation erfahren haben. Zugleich macht er wütend und führt zur unbeantwortbaren Frage nach dem WARUM.
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Fazit: Wenn der Leidensweg der eigenen Eltern zur Zerreißprobe wird. Ein längst überfälliger und überaus zu empfehlenswerter Text!

5 Sterne! 

Weiterführende Informationen zum Titel sowie eine Leseprobe bei Blanvalet! 

Website der Autorin: www.martina-rosenberg.de 

Kommentare:

  1. Hallo, das Buch steht ganz oben auf meiner Wunschliste...Wer das selbst erlebt hat, wird sicher viele Situationen darin wiedererkennen..Ich hätte angenommen, dass bei diesem Buchtitel wieder mal ein Aufschrei durch die Leserwelt geht, aber es sind doch fast alle Reaktionen positiv.. Danke für die Rezension...L.G. Annette

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  2. Das freut mich! Herzlichen Dank für diese liebe Rückmeldung!

    Liebste Grüße,
    Sophia!

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  3. Ein Buch, dass man lesen sollte und dass sich zu lesen lohnt!
    Doch: manchmal mangelt es wohl auch ein wenig an Empathie der Tochter

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  4. Habe das Buch gestern beendet. Was soll ich sagen, mein Mitleid mit der Autorin (Tochter)hält sich in Grenzen. Sollte mir die Dame mal über den Weg laufe, würde ich ihr wahrscheinlich vor die Füße spucken.

    Mit Pflege und Betreuung einer an Demenz erkrankten Person haben die Bemühungen der Tochter so gar nichts zu tun. Alle unliebsamen Aufgaben wurden auf andere verteilt, wobei das Geld der Eltern großzügig und mit vollen Händen ausgegeben wurde. Die Betreuungskräfte, Haushaltshilfen, Altenpfleger gaben sich die Türklinke in der Hand.
    Ich pflege schon seit Jahren meine demenzkranke Mutter inkl. Waschen, Ausscheidungen, Anziehen Windel wechseln usw. Jeder weiß, dass eine ruhige Umgebung am besten für demenzkranke Menschen ist. Meine Mutter wäre total überfordert, wenn ständig andere Leute in ihre Privatsphäre eindringen würden. Nebenbei arbeite ich Teilzeit und habe drei Kinder.

    Im übrigen bin ich der Meinung, dass es die Tochter nicht verdient hat, gefeiert zu werden und mit dem Buch auch noch Geld zu verdienen. Vielmehr würde ich mich freuen, wenn irgendein Anwalt eine Strafanzeige gegen sie einleiten würde. Immerhin hat sie ihre Mutter an einer unbehandelten Lungenentzündung sterben lassen und das mit Duldung der Familie und des Hausarztes. Wer kann schon sagen, ob die Mutter wirklich sterben wollte. Ich könnte ununterbrochen kotzen, wenn ich daran denke.

    Aber wie sagt man so schön, jeder bekommt das, was er verdient. Irgendwann werden wir alle Hilfe benötigen. In meinem Fall denke ich, dass ich meinen Kindern den richtigen Weg vorgelebt habe um die dann später die richtige Entscheidung treffen.

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