Samstag, 27. Oktober 2012

Was vom Leben übrig bleibt, kann alles weg - Hans-Jürgen Heinicke


Die Dinge nehmen ihren Lauf. Und manchmal sind wir dabei. Für einen kurzen Moment oder für etwas länger – aber nie für ewig.“
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Leben und Tod. Obwohl die beiden Bereiche zusammengehören, versuchen wir doch zumeist, letzteren auszublenden, ja sogar völlig zu verdrängen. Dem Tod kann man allerdings nicht entgehen und früher oder später wird eine Konfrontation mit diesem unbeliebten Thema auf die ein oder andere Weise unweigerlich stattfinden. Nämlich dann, wenn nahe Bekannte, gute Freunde, Verwandte oder gar ein geliebtes Mitglied des engeren Familienkreises verstirbt.
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Für Hans-Jürgen Heinicke ist diese Konfrontation Alltag geworden. Als Schatzsucher der besonderen Art durchforstet er die Nachlässe Verstorbener und trägt dafür Sorge, dass die Überreste eines Lebens ordnungsgemäß entsorgt werden. Er ist professioneller Wohnungsauflöser.
Wie er zu diesem doch eher ungewöhnlichen Beruf kam, schildert er in seinem autobiographisch geprägten Buch. Neben eigenen Eindrücken und Erlebnissen während der Arbeit in fremden Wohnungen oder aber auch im Umgang mit den Hinterbliebenen geht es insbesondere um den Tod als Thema, das einen jeden von uns eigentlich zutiefst interessieren sollte. Was ist es, das von einem Leben übrig bleibt – wenn Möbel, Kleidung, Dekoration; kurzum die Besitztümer entsorgt sind? Was hinterlässt ein Mensch? Was bedeutet er für die trauernde Familie? Und ist es womöglich denkbar, das Glück eines Lebens anhand der jeweiligen Wohnung zu ermessen?
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Hochinteressante Einblicke in einen eigentlich ganz privaten Bereich gewährt uns Heinicke in diesem Text. Der Leser wird, wenn auch nur für einen kurzen Moment, zu einer veränderten Sichtweise auf das Leben geführt. Ein Prozess, den schließlich auch der Autor selbst durchlaufen ist. Die Lektüre stellt daher zugleich eine kritische Reflexion des heutigen, modernen Lebensstils dar; dessen Hauptanliegen es ist, das Glück in all seinen Formen festzuhalten. Der Gedanke an die eigene Endlichkeit entlarvt den Versuch unserer Konsumgesellschaft, das Glück kaufen zu können, als fatalen Trugschluss. Somit sensibilisiert der Text schließlich für das, was wirklich wichtig ist im Leben.
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Fazit: In einer lockeren und zugleich authentischen Schreibweise setzt sich Heinicke in aller Ernsthaftigkeit aber auch Ironie mit dem Ende eines jeden Lebens auseinander. Ein sehr reflexives Buch, das noch geschrieben werden musste. Uneingeschränkt zu empfehlen.

5 Sterne! 

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