Sonntag, 28. Oktober 2012

Schüchtern - Florian Werner


Beim Schlafen ziehe ich immer die Bettdecke über den Kopf, weil ich Angst habe, dass ich von Geistern oder Einbrechern angesprochen werden könnte.“
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Florian Werner präsentiert seinen Lesern eine autobiographisch gefärbte Abhandlung über eine Charaktereigenschaft, die in unserer modernen Gesellschaft durchaus ambivalent auftritt. Denn es herrscht aktuell eine merkwürdige Gleichzeitigkeit sowohl rücksichtslosen Verhaltens als auch solcher Personen, die sich selbst als schüchtern bezeichnen würden.
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Nicht selten wirken schüchterne Menschen im beruflichen wie auch privaten Alltag völlig deplatziert. Sie scheinen kaum in die (heutige) Gesellschaft zu passen.
Doch was ist eigentlich das Wesen der Schüchternheit? Wie entsteht sie? In welchen Formen tritt sie auf? Und die weitaus wichtigere Frage: Wie lässt es sich mit dieser ungeliebten Eigenschaft überhaupt leben? Gibt es möglicherweise sogar Vorteile schüchternen Verhaltens?
Ausgehend von diesen und weiteren Fragen analysiert Florian Werner den Kern der Schüchternheit. In Rückgriff auf eigene Erfahrungen als schüchterner Mensch lässt er seine Leser an so manchem skurrilen Erlebnis längst vergangener Tage teilhaben und vollzieht dabei zugleich eine kritische Selbstreflexion. Da wäre zum Beispiel das unlogische, kaum nachvollziehbare Verhalten in ganz alltäglichen Situationen, wie etwa dem Vorgang des Telefonieren. Gerade dann, wenn Interaktionen mit anderen Menschen gefordert sind, reagieren Betroffene, so auch Werner, völlig irrational und entwickeln nicht selten unbegründete Ängste und Vorstellungen ihres Gegenübers, die im schlimmsten Fall sogar in einer Sozialphobie enden können. Werner, bekannt unter dem Spitznamen Schildkröte, zieht sich selbst gerne zurück. Er schreibt von der Allgegenwärtigkeit der Schüchternheit, der Bedeutung sozialer Rollen, von Geschlechterzuschreibungen sowie der somatischen, behavioralen und kognitiven Dimension der Schüchternheit. Am Ende der Lektüre wird die persönliche Bewältigungsstrategie des Autors deutlich: Ironie und Humor.
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Fazit: Das Werk ist ein gelungener Spagat zwischen wissenschaftlich fundierten sowie hoch philosophischen Betrachtungsweisen der Schüchternheit und herrlich selbstkritischen und ironischen Passagen voller Witz und Ironie.

5 Sterne! 

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