Donnerstag, 11. Oktober 2012

Drüberleben - Kathrin Weßling


Ich liege auf dem Bett und fühle die Matratze wie das klopfende Herz unter dem Dielenboden und weiß nicht, wie ich mich bewegen soll, weiß nicht, wie ich nur einen Schritt auf dem Boden vor dem Bett machen soll, und selbst wenn ich es wüsste, so bestimmt nicht, wohin dieser Schritt und alle seine folgenden gehen sollen.“
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Depressionen. Ein beklemmendes Gefühl andauernder Lähmung sowohl körperlich als auch seelisch. Wie sehr die Betroffenen darunter leiden, führt die Geschichte der jungen Ida beispielhaft vor Augen. Mit 24 Jahren müsste die junge Frau eigentlich mitten im Leben stehen, an allen Vorzügen und Freuden teilhaben, ihre Freizeit mit Freunden genießen und ihre Jugend voll und ganz auskosten. Doch genau das ist nicht möglich. Ihre Depression führt zu den trübsten Gedanken, den schauderhaftesten Lähmungserscheinungen und entwickelt sich zu einer unaufhörlichen Antriebslosigkeit.
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Ida leidet. Sie leidet so sehr, dass sie zum wiederholten Male einzig und allein in dem Aufenthalt einer Klinik einen Ausweg erkennt. Verzweifelt sehnt sie sich nach Hilfe. Aus ihrer Perspektive erleben die Leser ihre innerseelischen Zustände, ihre Erlebnisse während des Aufenthaltes, Beziehungen zu Patienten, Ärzten und allen weiteren Personen. Auf höchst authentische Weise beschreibt die junge Frau ihre Ängste, Nöte und Gedanken. Zusammen mit der Protagonistin Ida wird der Leser schonungslos in einen Sog voller Emotion gezogen. Dank der unvergleichlichen Schreibweise der jungen Autorin, die an jeder Stelle die passenden Worte findet, wird jedes Gefühl, jeder Gedanke der Verzweiflung nachempfunden. Ihre Geschichte ist fesselnd und bewegend bis zum letzten Punkt. Ein außergewöhnliches Debüt, das einen neuen Blick auf die psychosomatische Erkrankung der Depression wagt. Der Text eröffnet eine Sicht, die für die Krankheit mit all ihren Erscheinungsformen sensibilisiert und vielleicht auch Vorurteile zu beseitigen vermag. Depressionen sind keine vorübergehenden Phasen der Melancholie oder Traurigkeit, sondern ein ernstzunehmendes und leider auch andauerndes Leiden.
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Fazit: Es fällt schwer, eine Bewertung zu diesem Titel zu schreiben, da man selbst dem Text in keinster Weise gerecht werden kann. Kathrin Weßling ist ein junges Talent, das zum Glück entdeckt wurde. Ihre Schreibweise ist einzigartig, lebendig und appelliert an die Emotionen des Lesers. Auf weitere Texte darf man gespannt sein! 

5 Sterne! 

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