Freitag, 14. September 2012

Die Rache der Nerds - Oliver Bendel

Unsere Hochkultur wird versinken, und weil sie es seit Jahren tut, wird es kaum auffallen, wenn sie ganz verschwunden ist, außer zukünftigen Archäologen, die eher Psychologen der Zeit sind.“
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In den vergangenen Jahren haben umfassende Transformationsprozesse stattgefunden. Eine einst unbeachtete Gruppe von Außenseitern, die Nerds, zählt mittlerweile zu den gefragtesten Personen. Denn im Rahmen unserer modernen Informationsgesellschaft gewinnen Kenntnisse im IT-Bereich eine immer größer werdende Bedeutung. „Das Nerdtum ist zu einer Massenbewegung geworden“, so stellt Oliver Bendel treffend fest. Und diese Massenbewegung ist ausgestattet mit Macht und Einfluss.
Das Internet ist längst zu einem sowohl den beruflichen als auch privaten Alltag prägenden und nicht mehr wegzudenkenden Leitmedium geworden. In der digitalen Welt entstehen aber auch stetig neue Verhaltensformen und Moralvorstellungen, die sich an bisherige Normen oftmals kaum anschließen lassen. Umso wichtiger ist es, sich mit ethischen Fragen zu beschäftigen und Prinzipien zu entwickeln, die einem angemessenen Umgang mit dem Internet dienlich sind.
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Vor diesem Hintergrund plädiert Bendel, der selbst als Universitätsprofessor tätig ist, für eine Ergänzung der Wirtschaftsinformatik um die Informationsethik. Er bietet seinen Lesern eine Einführung in die Grundlagen dieser Ethik und beleuchtet Themen, die aus informationsethischer Sicht relevant sind. Hierzu gehört etwa der täglich unbedachte, fast schon naive Umgang mit den digitalen Medien, die Problematik einer Überwachung des Alltags, die Gefahren eines Verlustes der Privatheit oder die Nachteile der digitalen Unterschrift. Großkonzerne wie Wikipedia, Google oder Apple werden ebenso thematisiert wie die Bedeutung des Blended-Learning oder der Netiquette.
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Unter Berücksichtigung der kulturpessimistischen Sicht und den durchaus fundierten Untersuchungsergebnissen zu einer negativen Beeinflussung der Lese- und Rechtschreibfähigkeit der heutigen Jugend, lohnt sich ein Blick auf Grenzen und Gefahren jüngster Entwicklungen. In dezidierter Weise geht es hierbei um Einbußen von Qualität, die Verschwendung von Zeit und Aufmerksamkeit sowie die Schaffung neuer Abhängigkeiten oder eine Angleichung in Denken und Verhalten einzelner Individuen. All diese Tendenzen erläutert der Autor anhand konkreter Beispiele. Bendel kritisiert das Bedürfnis eigene Entscheidungen und Verhaltensweisen öffentlich bewerten zu lassen oder mehr am eigenen Profil zu arbeiten, als an sich selbst. In diesem Zusammenhang beschreibt er zudem die Veränderungen auf zwischenmenschlicher Ebene und gibt viele Denkanstöße zu einer bewussten Auseinandersetzung mit der Problematik sozialer Netzwerke.
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Eine hochinteressante Sicht eröffnet sich durch die Erläuterungen bezogen auf das Wachstum der Laien. In allen Bereichen sind sie geradezu omnipräsent. Exemplarisch schildert Bendel hier die Entwicklung der Hobbyrezensenten, deren Texte zumeist keinesfalls als Rezension bezeichnet werden können. Auch das Wesen der Literatur hat sich durch ein Erstarken der Laien zum Negativen verändert. Schließlich kann sich heute jeder als Schriftsteller bezeichnen. Viele weitere Themenblöcke werden vorgestellt und kritisch betrachtet. Besonders das Kapitel über die neuesten Gewohnheiten der Studenten ist sehr nah an der Realität und bietet nicht selten Anlass zum Schmunzeln.
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Bendels Text zeichnet sich durch eine hervorragende Beobachtungsgabe aktueller Entwicklungen aus, die punktgenau beschrieben werden. Auf hohem Niveau setzt er sich mit Phänomenen unserer heutigen Gesellschaft auseinander und verzichtet dabei keinesfalls auf ironische Zusätze, die Herausforderungen und Schwierigkeiten treffend hervorheben.
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Fazit: Ein ausgezeichnet verfasster literarischer Abriss der Informationsgesellschaft und ein Plädoyer nicht nur zur Förderung der Informationsethik, sondern vielmehr auch zur Nutzung der eigenen Reflexionsfähigkeit. Das Buch kann uneingeschränkt empfohlen und jedem nahegelegt werden!

5 Sterne! 

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