Samstag, 21. Juli 2012

3:46 Uhr. Ein protokollarischer Roman - Masì de Sol


21:31 Uhr:
„Es nützt alles nichts. Die Tür zum Glück, sie bleibt verschlossen.“
_
Thema des Textes ist der Versuch einer Resozialisierung des Protagonisten Christian Moser, der nach seiner Gefängnisstrafe auf Bewährung entlassen wurde.
Um erneut zu einem normalen Leben zu gelangen und den Alltag mit Struktur und Routine zu füllen, empfiehlt sein Bewährungshelfer protokollarische Notizen des Tagesablaufs festzuhalten.
So weit so gut.
Eine nette, unspektakuläre Unterhaltungslektüre für zwischendurch.
Das jedenfalls fasst die wohl weit verbreitete Erwartungshaltung des Lesers zu diesem Thema zusammen.
Doch das Buch ist ein fast schon bewusstseinserweiterndes Kunstwerk!
_
Wer eine gestörte Persönlichkeit mit mangelnder Intelligenz und krankhaften Gedanken erwartet, wird hier heilsam ent-täuscht und entdeckt in dem Protagonisten das völlige Gegenteil. Denn Christian Moser ist ein Mensch von höchster Intelligenz, der sich dementsprechend ausdrückt. Aus seiner Perspektive berichtet er von dem eigenen Weg zurück ins Leben, zurück zu der normalen Welt der Normalen. Doch genau das wird zu einem schier unüberbrückbaren Problem. Er definiert die Zeit der Bewährung als ein Leben auf Probe, eine Zeit, in der er scheinbar nur noch durch Routinehandlungen wie Aufstehen, Frühstücken oder die Körperhygiene angetrieben wird. Auf zutiefst emotionale und persönliche Weise beschreibt er die Schwierigkeit, seinem Leben Sinn zu verleihen. Und vor dem Hintergrund seines sozialen Status' und seines eigenen Selbstwertgefühls als alleinstehender Arbeitsloser ist dies eine besondere Herausforderung, an der er schließlich zu zerbrechen droht.
_
Hin und her getrieben zwischen dem Versuch, ein gelingendes Leben zu führen und der völligen Verzweiflung angesichts seiner beklemmenden Situation – so lässt sich Mosers innerseelischer Zustand beschreiben. Glücksähnliche Zustände empfindet er nur noch in der fiktiven Welt seiner eigenen Phantasie, die einen umso größeren Schmerz in ihm zurücklässt. Denn nichts davon ist für ihn real. Wie erschreckend weit er dabei von der Lebenswelt der normalen Menschen entfernt ist, wird spätestens dann ersichtlich, wenn er die Nutzung des Internets als Hineinschnuppern in eine Welt bezeichnet, der er schon lange nicht mehr angehört. Und wenn es dunkel wird, beobachtet er seine Nachbarn in der Dunkelheit und Abgeschiedenheit seiner Wohnung, um einen kleinen Teil der Welt wahrzunehmen, der er nicht mehr angehört.
_
Masi de Sol hat ein Kunstwerk geschaffen. Kreative Wortgebilde und Sätze, Ellipsen und Verkürzungen in Verbindung mit einem Wortschatz, der selbst bei Germanistikstudenten bestenfalls zum passiven Teil gehört, verbindet er auf eine Weise, die besser nicht hätte sein können. Denn trotz der schillernden Ausdrucksweise ist es an keiner Stelle schwer, dem Text zu folgen: Ganz im Gegenteil! Das Buch, dessen Kapitel nach den Uhrzeiten eines Tages von 7:23 bis 3:46 gegliedert ist, lässt sich innerhalb weniger Stunden durchlesen. Man entdeckt dabei eine Vielzahl von Sätzen mit einem persönlichen Mehrwert. Unmöglich erscheint es, den Text aus der Hand zu legen. Er ist absolut fesselnd, die Geschichte zutiefst beeindruckend!
_
Im Grunde geht es um die Fülle menschlicher Existenz: alltägliche, lebenserhaltende Aufgaben, wie Nahrungsaufnahme oder Körperhygiene über die Schätze der Erinnerung an vergangene Erlebnisse bis hin zu bewegenden Themen wie Liebe, Versagen, Angst und Tod – letztlich um die Frage nach Sinn. Dabei ist das beklemmende Fazit, dass es für manche Menschen unmöglich sein muss, einen Sinn in ihrem Leben finden zu können. Dies gilt für Moser ganz besonders, da er im Grunde seines Herzens so denkt und fühlt wie alle anderen auch, aber von ihnen aufgrund seiner Vergangenheit ausgegrenzt wird.
Ähnlichkeiten seiner Psyche und der seelischen Verfasstheit von Depressiven sind unbestreitbar. 
Ein Buch, das aus anthropologischer, psychologischer und sicher auch theologischer Sicht hochinteressant ist.
_
Fazit: Was in der Tiefe der menschlichen Psyche verborgen liegt, wird am Beispiel des Protagonisten exemplarisch vor Augen geführt. Ein Text über den Sinn des Lebens und den Versuch, an diesem auch in aussichtslosen Rahmenbedingungen festzuhalten. Ein Roman, der einen sprachlos zurücklässt!  

Mindestens 5 Sterne!!! 

Zutiefst empfehlenswert! 

Weitere Infos hier!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen