Sonntag, 10. Juni 2012

Familie heißt Arbeit teilen - Tomke König


„Das, was Frauen und Männern in ihrem gemeinsamen Alltag gelingt – die Überwindung der eindeutig geschlechtlichen Aufladung von Erwerbsarbeit und Arbeit im Privaten – ist gesellschaftlich gesehen noch weitgehend Utopie.“
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Die Geschlechterforscherin und Soziologin Tomke König präsentiert in diesem Band ihre umfangreichen Untersuchungsergebnisse zum Thema Familie und Arbeit. In Zeiten der Erosion traditioneller Werte und Familienstrukturen ist die Frage nach der Aufteilung der häuslichen Arbeit hochinteressant. Denn das Ideal der tüchtigen Hausfrau und Mutter, deren einzige Aufgabe es ist, für das Wohl der Familie zu sorgen, existiert schon lange nicht mehr. Auf der anderen Seite wird aber auch die traditionelle Rolle des Mannes als Ernährer des Familienkosmos immer brüchiger. Beide Funktionen sind nicht länger an ein Geschlecht gebunden, sondern verschwimmen und gehen als Aufgabenbereiche ineinander über.
Der mit dem Bruch der Rolle des männlichen Familienernährers einhergehenden Veränderung folgen auch neue Attribute, die dem Männlichen und ebenso dem Weiblichen zugeschrieben werden. Hinzu kommen neue Familienstrukturen, seinen es alleinerziehende Elternteile, unverheiratete Patchwork-Familien oder gleichgeschlechtliche Lebenspartner.
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Ist es überhaupt möglich, im Zuge neuester Strömungen familiäre Arbeitsteilung als Form der Gerechtigkeit innerhalb einer Partnerschaft herzustellen? Wie lassen sich unterschiedliche Lebensentwürfe der beiden Partner miteinander vereinbaren?
Und welche Konsequenzen sind durch die aktuelle Enttraditionalisierung, Individualisierung und Pluralisierung der Geschlechtsverhältnisse feststellbar?
Ziel der Autorin war es, solche und ähnliche Fragestellungen im Laufe ihres Forschungsprojekts zu klären. Ob sich neue regulative Ideale der gerechten Arbeitsteilung tatsächlich herausbilden, versucht Tomke König anhand empirischer Ergebnisse zu klären. Mithilfe von Einzelinterviews und Paarbefragungen nähert die sich diesen Themen.
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Ausgehend von der in den 70er Jahren einsetzenden Hausarbeitsdebatte fasst die Autorin die wichtigsten Erkenntnisse aus Soziologie, Geschlechterforschung und gesellschaftlichen Diskursen in einem einleitenden theoretischen Teil zusammen, bevor sie sich der interpretativen Analyse der Interviews widmet. Dem Leser werden dabei Originalzitate nicht vorenthalten. Vielfach finden sich interessante Äußerungen der befragten Personen, die zudem alle unterschiedlichen sozialen Milieus zugeordnet werden können. Ebenso spannend sind die Ergebnisse in Hinblick auf neue Formen von Mutter- und Vaterschaft sowie bezogen auf die Pluralisierung von Werten. Im Anhang befindet sich der in den Interviews genutzte Fragenkatalog, zu dem etwa die Bereiche „Geschichte des Paares“, „Fürsorge“ oder „Organisation des Haushaltes“ zählen. Somit wird die Vorgehensweise dieses Projekts für die Leser leicht nachvollziehbar.
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Fazit: „In Deutschland ist die Emanzipation auf halber Strecke steckengeblieben. Während in anderen Ländern Frauen Familie und Karriere leichter vereinbaren können, wirft sie hier das erste Baby zurück in die fünfziger Jahre. (Der Spiegel, 24.4.2006)“

Ob diese These des Spiegel zutrifft, können die Leser am Ende der Lektüre jeweils aus ihrer Sicht vor dem Hintergrund dieser Arbeit beantworten. Ein hochinteressanter, gut lesbarer Forschungsbeitrag der Sozialwissenschaften.

5 Sterne! 

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