Sonntag, 29. April 2012

Maria von Wedemeyer. Ein Lebensbild - Wolfgang Seehaber


Ich möchte dir gerne ein Auge von mir leihen, damit Du alle Schönheit und Freude hier um mich sehen und miterleben kannst.“
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Dietrich Bonhoeffer, einer der bekanntesten Widerstandstheologen zur NS-Zeit, übt noch bis heute große Faszination aus. Unzählige literarische Werke existieren über seine Theologie und die Zeit seiner Gefangenschaft. Nicht zu vergessen die zahlreichen Sammlungen meditativer Gebetstexte und Gedichte. Doch die Frau an seiner Seite, Maria von Wedemeyer, wird in den meisten literarischen Zeugnissen nur sporadisch in den Blick genommen oder gar völlig ausgeblendet.
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Wolfgang Seehaber, ehemaliger Spiegel-Journalist möchte dies nun ändern und präsentiert seinen Lesern mit diesem Band das Portrait einer intelligenten, einfühlsamen Frau, die trotz vielfältiger Leiderfahrungen ihren tiefen Glauben nie aufgegeben hat. Ebenso beeindruckend ist ihre unerschütterliche Hoffnung und die Fähigkeit, aufopfernd und bedingungslos zu lieben, zwei wesentliche Charakteristika ihrer Person. Durch die persönliche Annäherung des Journalisten an diese außergewöhnliche Frau ist eine mit viel Liebe und Hinwendung geschriebene Biographie entstanden, die nicht nur die Verlobte Bonhoeffers selbst zum Thema hat. Vielmehr beschäftigt sich der Text mit dem gesamten sozialen Umfeld der Frau. So wird von dem Leben auf einem Landgut mit sechs Geschwistern berichtet, von ihren Eltern Hans und Ruth von Wedemeyer und deren Einstellung zum Glauben: die Mutter, die das enge fast schon dogmatische Korsett des Glaubens befürwortet und der Vater, der im Gegenteil offen war für neue ihn inspirierende Gedanken. Interessant sind die Auswirkungen dieser elterlichen Einstellungen auf die religiöse Entwicklung der Kinder und vor allem auf Maria. Neben den Eltern ist es schließlich auch Marias Großmutter, die sie ganz wesentlich prägt und auch später für Dietrich zu einer wichtigen Bezugsperson werden wird. Hochinteressant ist zudem der Briefwechsel zwischen ihr und ihrem Verlobten. Dankenswerterweise lässt der Autor immer wieder einzelne Originalzitate in den Text einfließen.
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Das Buch ist auch Zeugnis einer innigen Liebe, die sogar Krisensituationen und den Tod selbst überwindet. Aus heutiger Sicht kann man eine derartige Bindung eigentlich nur noch beneiden. Neben dieser außergewöhnlichen Liebe ist es auch die Gefängnistheologie Bonhoeffers, die besonders dazu anleitet, das irdische Leben zu genießen und bis zuletzt auszukosten. Und das trotz seiner ernüchternden Lage und der häufigen Erfahrung von Trauer, Depression und Angst. Für beide wurde Gott auch immer im Alltäglichen offenbar, letztlich auch in der Liebe zueinander.
Durch die einzelnen Fragmente des Lebens von Maria von Wedemeyer begegnen die Leser dieses Bandes einer einzigartigen Frau, erfahren zusammen mit ihr eine einzigartige, innige Beziehung zu ihrem Verlobten und erleben eine Theologie, die die Schattenseiten menschlichen Lebens nicht ausblendet aber es dennoch vermag, aufbauende Trostbotschaft zu sein. Sowohl Maria als auch Dietrich sind zwei Persönlichkeiten, bei denen es sich lohnt, näher hinzublicken und ihre Biographie rückblickend zu erfahren.
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Fazit: Beeindruckend, ergreifend, lesenswert!

5 Sterne! 

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