Samstag, 21. April 2012

Sinnspiegel - Every Sign is Religion!


Die Sehnsucht danach, glauben zu können, steckt hinter vielen Ausdrucksformen der Popkultur und lässt sich geradezu als Kern der neuen religiösen Orientierung begreifen.“
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Obwohl Religion und Kirche im Leben des Einzelnen immer weiter an Bedeutung und Wert verliert, ist geradezu eine Omnipräsenz religiös aufgeladener Anspielungen im Bereich der modernen Popkultur zu verzeichnen. Seien es christliche Symbole oder biblische Motive, sie alle sind wesentliche Elemente in Film, Musik und Werbung. Somit ist die moderne Kultur Spiegelfläche dessen, was im Leben der Menschen noch immer stimmig ist und Sinn zu stiften vermag. Gleichzeitig muss die Popkultur Element soziologischer und auch hermeneutischer Untersuchungen sein, da sie unsere aktuelle Lebensphilosophie wiedergibt. Allein schon aufgrund dieser Tatsache ist die Popkultur theologisch bedeutsam und dienst als mögliche Projektionsfläche der Erkenntnisgewinnung.
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Theologie ist und muss immer auch am konkreten Leben des Einzelnen interessiert sein und darf Phänomene des Alltags nicht ausblenden. Die nach Ingolf U. Dalferth bezeichnete christliche Lebensweltreflexion gilt es, verstärkt in den Blick zu nehmen. Und genau das leistet dieser Band, herausgegeben von Joachim Kunstmann und Ingo Reuter, eines Professoren für Religionspädagogik und eines Schulpfarrers. Bekannte Autorengrößen leisten ihren Beitrag in wissenschaftlichen Aufsätzen rund um das Thema der modernen massenmedialen Phänomene.
Um aktuelle Deutungsmuster somit das aktuell vorherrschende Weltverständnis fassen zu können, müssen zuvor wesentliche Charakteristika der Popkultur selbst herausgestellt werden.
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Wozu die Institution Kirche innerhalb der breiten Masse schon lange nicht mehr in der Lage ist, ist die Vermittlung von Begeisterung. Doch bestimmte Musik-, Film- und sogar Sportereignisse rühren uns an, bringen eine Seite in uns zum Klingen und sind emotional mitreißender denn je. Und somit wird aus einem schlichten Film wie „Titanic“ ein monumentale Vergegenwärtigung wesentlicher menschlicher Hoffnungen: eine vor Selbstaufgabe bewahrende, bedingungslose Liebe bis hin zum Selbstopfer, der Traum von einer besseren Welt, unerschütterliche Hoffnung aber auch die Ohnmacht im Angesicht des unvorhersehbaren, erschütterlichen Leids.

Die enorme Kraft der Medien verdankt sich letztlich mehreren miteinander verbundenen Faktoren. Dazu zählt die vermittelte Anthropologie. Propagiert wird der Mensch als bedürftiges Wesen, nach Halt, Orientierung, Sicherheit. Besonders in der Werbung wird auf diese Bedürfnissen eingegangen, denn letztlich scheint alles als materiell erfüllbar. Es liegt in der Verantwortung des Einzelnen, seine Bedürfnisse zu befriedigen, die Ware zu kaufen. Mediale Welt ist also Verheißung eines besseren Lebens, für das der Mensch selbst sorgen kann. Dennoch wird dabei verkannt, dass letztlich ein solch hergestelltes Glück von kurzer Dauer und keine sinnstiftenden Kräfte mobilisieren kann. Darum geht es im wesentlichen auch um die Unterschiede verschiedener Formen des Glücks: der fortuna, felicitas und beatitudo. Auch das Element der Sehnsucht wird in diesem Band genauer in den Blick genommen.
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Der Text gliedert sich neben der Einleitung in die Bereiche Hermeneutik, Wahrnehmung und Ausdruck, Strukturen und die großen Fragen. Vor allem die zu dem letzten Thema zählenden Kapitel beschäftigen sich mit Kernfragen des Menschseins: Gott und das Leid/ Liebe, Leidenschaft und Tod/ Körper, Stil und Identifikation/ Glück und Sehnsucht/ Erlösung und Sinn.
Besonders gewinnbringend sind die Verbindungen zu Alltagserfahrungen, die allgemeine Erlebnisse wiedergeben und diese religiös deuten. Fern ab von sturer Dogmatik und lebensfernen Theorien setzten die Autoren direkt an konkreten, realen Beispielen an. Im Bereich Wahrnehmung und Ausdruck geht es insbesondere um Sinneserfahrungen bezogen auf Sehen, Hören, Sagen und Bewegen. Hier wird man als Leser sogar mit biblischen Belegstellen zu den jeweiligen Thesen beeindruckt.
Theologische Hermeneutik populärer Kultur wird zudem aus fundamentaltheologischer, phänomenologischer und rezeptionsanalytischer Perspektive betrachtet. Und zwar an jeder Stelle des Textes verständlich und absolut nachvollziehbar!
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Dieser Band weitet den persönlichen Horizont und gibt Anlass zur Reflexion moderner medialer, populärer Kultur, mit der sich auch die Theologie unbedingt näher befassen sollte. Deutlich wird das enorme Potenzial dieses Kulturbereiches, welches auch im Sinne der Kirche positiv genutzt werden könnte. Das Werk ist ein Plädoyer zur theologischen Auseinandersetzungen mit den aktuellen Sehnsüchten der Menschen, wie dies Werbung, Film, Musik und Sport bereits tun.
Eine Forderung, die drängender ist denn je! Endlich wird der große Mangel präzise auf den Punkt gebracht:
Wenn das Leben auf dem Grund einer vagen, aber großen Sehnsucht nach Glück steht, ist eine Not indiziert – die eines Gefühls von Unbefriedigtseins, innerer Leere und nicht Wissen, wo man zu hause ist – die vom christlichen Glauben offensichtlich nicht mehr beantwortet, und theologisch vielleicht oft gar nicht verstanden wird.“
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Fazit: Absolut empfehlenswert! 

Bedeutende Erkenntnisse: Every sign is religion! 

5 Sterne! 

Weitere Infos bei Schöningh!

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