Freitag, 2. März 2012

Wo bist du nur hingegangen, Mama? - Virginia Stem Owens

Herausforderungen ungeahnten Ausmaßes

Was macht ein Lebewesen menschlich? Ist es das Erinnerungsvermögen? Die Fähigkeit logisch zu denken? Willenskraft? Wenn uns all das genommen wird, was bleibt uns dann noch?“

Dieses Buch ist ein offener, ehrlicher Erfahrungsbericht der Autorin Virginia Stem Owens, die sich um ihre pflegebedürftige Mutter kümmert. Dabei ist allein die Beobachtung des langsamen, körperlichen Verfalls, ausgelöst durch Parkinson, eine schmerzliche Situation. Als jedoch wenig später die Diagnose Demenz gestellt wird und sich die Krankheit zu einer Form von Alzheimer entwickelt, steigern sich Kummer und Leid in noch nie zuvor dagewesene Ausmaße. Denn der geistige Verfall der geliebten Mutter bedeutet zugleich eine Zerreißprobe für das eigene innerseelische Leben sowie die eigene psychische Stabilität. Man wird selbst vor neue geistige Herausforderungen gestellt und ist jeden Tag aufs Neue mit Ängsten und Verzweiflung bis hin zum drohenden Glaubensverlust konfrontiert. Was kann angesichts der sich auflösenden Persönlichkeit als menschenwürdige Existenz gelten? Woher kommt diese Ungerechtigkeit unheilbarer Krankheiten? Und wie geht man damit um, das sukzessive Verschwinden einer geliebten Person mitansehen zu müssen?

Den geistigen Zustand ihrer Mutter vergleicht Owens in treffender Weise mit einem Erdbeben. Stück für Stück wird der Betroffene immer mehr verschüttet. Am Beginn des Buches steht die Diagnose Parkinson. Wenig später werden erste Anzeichen von Demenz als Halluzination, Depression, Formen von Angstzuständen oder gar als Nebenwirkungen der bisherigen medikamentösen Behandlung fehlinterpretiert. Doch für das merkwürdige Verhalten der Mutter gibt es letztlich nur eine gültige Begründung: der Verlust der kognitiven Fähigkeiten. Owens berichtet über die Entscheidung, die eigenen Eltern zu pflegen; eine Vorstellung, die abstrakt bleibt, bis man sich dieser Frage plötzlich stellen muss. Auch der konkrete Pflegealltag wird im Text detailliert dargestellt. Dazu zählen etwa gute und schlechte Tage im Krankheitsverlauf oder die Notwendigkeit, für ein Elternteil einen Terminplan führen zu müssen. In Hinblick auf eigene körperliche Gebrechen, die langsam zunehmen, ist Owens immer wieder mit selbst betroffen und gezwungen, sich mit existenziellen Fragen auseinanderzusetzen. Zusätzlich wird dem Leser klar, wie leicht man als Pflegeperson in die Rolle des verzweifelten, wütenden und enttäuschten Kindes verfällt und in unangemessener Weise auf die Krankheit reagiert. Besonders hilfreich sind hier persönliche Ratschläge im Umgang mit Alzheimerpatienten.

Fazit: Diese Lektüre ist Tagebuch, Ratgeber und Mutmacher. Kein Mensch kann verstehen, was es heißt, wenn eine geliebte Person unter Alzheimer leidet, ohne es selbst erlebt zu haben. Nur Mitleidende können nachvollziehen, welche seelischen Schmerzen hierbei auszustehen sind. Und nur sie können in einer solchen Situation helfen. Das Buch zeigt nicht nur, wie andere Menschen mit dieser Situation umgehen. Vielmehr steckt eine Botschaft dahinter: Du bist auf dem Weg durch dieses düstere Tal nicht allein. Es bietet Halt und Verständnis!

5 Sterne!

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