Mittwoch, 28. September 2011

Schicksal - S.G. Browne


"Dreiundachtzig Prozent der menschlichen Bevölkerung sind leicht durchschaubare Gewohnheitstiere. Sie kleben an ihren Routinen, an Lifestyle und Süchten oder verbringen ihr Leben damit, eine Abhängigkeit gegen die nächste einzutauschen."

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Schick wie Schickeria, Saal mit einem a. So stellt sich der Protagonist dieses Titels seinen Lesern vor. Dabei handelt es sich um niemand geringeres als das sympathische, selbstironische Schicksal höchstpersönlich, genannt Sergio, dessen Aufgabe es ist, den Menschen bei der Geburt ihre Bestimmung zuzuordnen: Geschäftsführer eines Ölkonzerns, Ersatzquarterback oder Gouverneur von Kalifornien ... Leider sieht die Konsequenz aus all der Arbeit fast immer so aus, dass es die Menschen letztlich dennoch vermasseln. Sie bekommen es einfach nicht hin. Sie scheitern! Und das viel zu oft. Darum ist es eigentlich kein Wunder, dass das Schicksal total genervt, frustiert und ausgebrannt ist. Was kann man angesichts einer solch unbefriedigenden Sisyphus-Arbeit auch erwarten? Wenn dann der Wunsch fällt, ein besseres Verhältnis zu Tod zu haben, ist eines klar: Sergio ist urlaubsreif und braucht dringend eine Auszeit!
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Nicht nur die Menschen sind in der heutigen Zeit den vielfältigen Anforderungen nicht mehr gewachsen. Vielmehr leiden auch unsterbliche Wesen wie Schicksal, Karma oder Glück unter Burnout-Symptomen. Was passiert, wenn sie sich zusammentun, wird in diesem Werk aus der Perspektive des Schicksals beschrieben. Analysen der aktuellen gesellschaftlichen Lage sowie der Menschen fallen ernüchternd aus und Sergio stellt schließlich sogar fest, dass er mit Gefühlen wie Hoffnungslosigkeit, Misserfolg und Verzweiflung eigentlich gar nicht so anders ist, als seine Menschen.
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Das Buch ist das gelungene Ergebnis einer kreativen, einzigartigen Idee. Philosophische Gedanken werden hier mit Humor und Sarkasmus verbunden. Witzig ist, dass die Unsterblichen untereinander Sex haben können und die Beschreibung von eben diesem. Ihr Arbeitgeber ist natürlich niemand anderes als Gott selbst, besser bekannt unter dem Namen Jerry. Lustig ist es, wenn seine Beschäftigten die miesen Zahlen erklären müssen (wie etwa die stetig schlechter werdende Quote des Schicksals seit der Industriellen Revolution). Hochinteressant sind auch die Beobachtungen in einem Einkaufszentrum. Hier stellt das Schicksal ernüchternd fest, dass die Mall die Institution Kirche in den USA längst abgelöst hat. Denn schließlich gibt es dort mehr Shoppingcenter als Kirchen. Materieller Besitz scheint den Menschen immer wichtiger zu werden. Und gerade weil Geld und Besitz eine immer größere Rolle spielt, sind die Kollegen des Schicksals, nämlich Neid und Gier, stets schwer beschäftigt. Ihnen wird so schnell nicht langweilig, ganz im Gegensatz zu Sergio.
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Ein gut lesbarer, lustiger Text, der zur Selbstreflektion anregt und dazu einläd, den eigenen Standpunkt zu verlassen und von einem höher gelegenen Blickpunkt aus auf die Menschen und unsere Gesellschaft zu schauen. Als Leser sind wir eingeladen zum Voyeurismus. Genau das hat noch nie so viel Spaß gemacht!

4 Sterne!

Vielen Dank an Vorablesen!

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