Sonntag, 25. September 2011

Hofgang im Handstand - Uwe Woitzig


„Wir alle leben in irgendwelchen Gefängnissen. Dabei ist es unerheblich, ob es die Gefangenschaft im Materiellen, die Angst um die Gesundheit und vor jeder Veränderung, ob es das Sucht- oder das Liebesgefängnis ist. Wir alle sind gefangen in gesellschaftlichen Strukturen und Verpflichtungen, in unseren Verbindlichkeiten, Sehnsüchten und Scheinbedürfnissen.“

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Uwe Woitzig, einst Anlageberater mit eigener Privatbank und bekannte Größe der Münchener High Society, wird 1988 wegen eines Betrugs in Millionenhöhe zu fünf Jahren Haft verurteilt. Dabei ahnt er noch nicht, dass sich nun nicht nur seine äußeren Lebensumstände von Grund auf ändern werden, sondern vielmehr auch seine innere Einstellung zum Leben selbst. Die Zeit im Gefängnis nutzt er in positiver Weise, um über den eigentlichen Wert des Lebens nachzudenken. Immer wieder kommt er zu der Erkenntnis, dass es auch eine Gefangenschaft außerhalb des juristischen Strafraumes gibt. Die Gefangenschaft im täglichen Leben. Was bedeutet eigentlich Glück? Was Zufriedenheit oder Erfolg?

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In der ersten Phase des Gefängnisaufenthalts ging es hauptsächlich darum, die neue Umgebung als Lebensmittelpunkt anzuerkennen und eine Verdrängung zu vermeiden. In der folgenden Zeit lernt Woitzig viele interessante Menschen kennen und philosophiert zudem über deren Verhalten, wie etwa die Tatsache, dass Menschen in der Konfrontation mit sich selbst häufig in Wut geraten. Mit Themenfeldern wie Meditation, Ursache-Wirkung, Schuld und Karma setzt er sich nun zum ersten Mal in seinem Leben aufrichtig auseinander und erkennt viele gewinnbringende Elemente, die ihn geistig wachsen lassen. Unter anderem gehört dazu etwa die Reflektion seiner Vergangenheit, die Beschäftigung mit der Welt als duales System oder aber auch die Manipulierbarkeit der Massen.

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Den Prozess der geistigen Veränderung beschreibt der Autor aus seiner persönlichen Perspektive und lässt den einzelnen Leser an seiner gedanklichen Umkehr teilhaben. Berichte aus seiner Vergangenheit, die sich um die Themen wie Börse, Trade, Gewinn, aber auch Macht und gesellschaftliches Ansehen drehen, liefern interessante Einblicke in sein bisheriges Leben. Das Buch regt selbst zu einem Umkehrprozess an, indem man als Leser an der Veränderung des Autors teilhaben darf. Am Ende seiner Strafe blickt Woitzig in fast schon dankbarer Weise auf die Zeit im Gefängnis zurück. Er beschreibt diesen Ort sogar als bessere Umgebung zur Selbsterkenntnis als ein Kloster, weil dort durch ein ständiges Kommen und Gehen die Verbindung zur Realität nicht abreißt.

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Fazit: Neue Weisheit und eine ausgeglichene innere Grundhaltung durch die Zeit im Gefängnis.

4 Sterne!

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