Samstag, 6. August 2011

Die Frau an seiner Seite - Heribert Schwan


„Es gehörte zu ihrem Selbstverständnis, ihrem Mann zu dienen, sich seinen Bedürfnissen zu unterwerfen. Selbstbestimmung, wie sie heute alltäglich ist, kannte sie nicht und überließ ihrem übermächtigen Mann und Vater ihrer Kinder die Deutungshoheit darüber, wie ein glückliches Ehepaar mit einer intakten Familie auszusehen habe.“
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Heribert Schwan, der mit seinen Dokumentationen internationale Erfolge erzielte, liefert mit diesem Band ein ebenso eindrucksvolles wie bewegendes Portrait der Kanzlergattin. In 10 Kapiteln stellt er seinen Lesern das Leben der Hannelore Kohl umfassend dar, angefangen von der behüteten Kindheit, über ihre Zeit im Zentrum öffentlichen Interesses bis hin zu ihrem tragischen Ende durch den gewählten Freitod.
Hannelores wohl behüteten Kindheitsjahre endeten abrupt durch die grausamen Erlebnisse eines von Gewalt und Massenvergewaltigungen geprägten Deutschland während der Zeit unmittelbar nach Kriegsende. Sie selbst wurde Opfer dieser Gewaltverbrechen und erlitt dadurch ein Trauma, welches sie nie richtig verarbeiten konnte. Auch in ihrer Jugend gilt die junge Frau eher als ruhiger, in sich gekehrter Mensch. Eine umso größere Umstellung bedeuteten die politische Erfolge ihres Mannes, mit denen sie sich spätestens dann arrangieren musste, als er im Mai 1969 zum bis dato jüngsten Regierungschef eines Bundeslandes gewählt wurde. In den folgenden Jahren engagierte sie sich selbst in unterschiedlichen Bereichen, wie beispielsweise als Präsidentin des Kuratoriums ZNS. Dennoch ist es ihr gelungen, als fürsorgliche Hausfrau und Mutter fester Halt und Anker im Leben der beiden Kinder zu bleiben und das Bild einer intakten Familie zu wahren.
Neben den Anforderungen, die ihr Mann an sie stellte, musste sie zusätzlich eine zunehmende Verschlechterung des eigenen gesundheitlichen Zustands ertragen, bezogen auf ihren psychischen wie physischen Zustand. Als die dann noch die Spendenaffaire ihres Mannes zu erneuter gesellschaftlicher Verachtung führte und damit an ihr Trauma aus Kindheitstagen anknüpft, scheint Hannelore endgültig am Ende ihrer Kräfte.
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Das Buch zeichnet Hannelore Kohl als eine starke, selbstbewusste und zielstrebige weibliche Persönlichkeit ihrer Zeit, der auch die Schattenseiten des Lebens nicht verborgen blieben. Der Bekanntschaft des Autors, der mit ihr vertraute Gespräche u.a. auch während gemeinsamer nächtlicher Spaziergänge führte, ist es zu verdanken, dass diese Zusammenstellung ihres Lebens entstehen konnte. Viele neue hintergründige Fakten werden offen gelegt und dadurch dem einzelnen Leser neue Perspektiven geboten, die Biographie der Hannelore Kohl neu zu entdecken. Interessant ist die detailgetreue Zeittafel sowie das Personenregister im Anhang des Buches. Die journalistischen Fertigkeiten des Autors machen zudem die Lektüre zu einer wahren Bereicherung und lohnenswerten literarischen Beschäftigung.
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Fazit: Eine Lektüre, die neue Einblicke eröffnet in das Leben einer außergewöhnlichen Frau und es ermöglicht, die Frau an der Seite Helmut Kohls besser zu verstehen.

5 Sterne!

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