Freitag, 29. Juli 2011

Ein Kuss ist ein ferner Stern - Alexander Rösler


"Mich interessiert die Frage, was korrekt ist und was nicht. Regeln sind hilfreich. Sie organisieren die Welt. Sie beruhigen mich."
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Strukturen und Regeln verleihen der Welt des jungen August einen Sinn. Alles lässt sich seiner Meinung nach planen, organisieren und präzise berechnen. Für jedes Alltagsproblem gibt es eine Formel, mit deren Hilfe die Lösung ermittelt werden kann. Doch als August eines Tages von Freya am Strand geküsst wird, gerät seine Welt aus den Fugen. Ständig muss er ohne Grund an die zufällige Begegnung mit dem Mädchen denken und entwickelt Gedanken, die er bisher nicht kannte.
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August ist anders als alle anderen Jugendlichen. Als Autist ist er zwar in der Lage, ohne längere Überlegungen den genauen Wochentag des 8. Juni 2016 zu nennen oder umfangreiche Gleichungen innerhalb weniger Sekunden zu lösen, aber sobald er mit seinen Mitmenschen kommunizieren und deren Verhalten angemessen deuten soll, helfen ihm seine Zahlen nicht mehr weiter. Die einfachsten Regeln einer zwischenmenschlichen Beziehung sind ihm fremd. Umso schwieriger wird es, als er nicht nur Freya kennenlernt, sondern auch in dem Germanistikstudenten Rudi einen Freund findet. Gemeinsam schaffen sie es, mit Freya Kontakt herzustellen. Rudi setzt sich zum Ziel, August in Sachen Liebe tatkräftig zu unterstützen. Er bringt ihm bei, seine täglichen Erlebnisse aufzuschreiben. Dadurch entsteht schließlich auch die Dokumentation dieser außergewöhnlichen Erfahrung des Verliebtseins aus der Sicht eines Autisten.
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Dem Autor Alexander Rösler ist es gelungen, einzigartige Einblicke in das sonst so verschlossene, ja geradezu geheimnisvolle Seelenleben eines autistischen Jugendlichen zu geben. Erfahrene Leser werden schnell merken, dass sein medizinisches Wissen im Bereich der Neurologie in dieser Geschichte von enormem Nutzen war. Gerade Jugendliche und junge Erwachsene erhalten durch die Lektüre Einblicke, die zur Reflektion des eigenen Selbst anleiten und Bereiche thematisieren, die zum Erwachsenwerden dazu gehören, fern ab von den eher typischen Meinungsverschiedenheiten mit den Eltern oder Streitigkeiten mit Gleichaltrigen oder Geschwistern. Der Text ist tagebuchartig gegliedert und daher besonders persönlich und ausdrucksstark.
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Fazit: Eine gelungene Mischung aus witzig-spritzigen Elementen in Kombination mit ehrlich-offenen Einblicken.

4 Sterne!

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