Sonntag, 22. Mai 2011

Ein Sommer aus Stahl - Silvia Avallone

Bündelung der Kontraste
_
Diese Story ist ein gelungenes Zusammenspiel kontrastreicher Elemente...
angefangen von den beiden Freundinnen: Blond und Brünett
über die Wärme der Jugendlichen auf der einen und der Kälte des Stahlwerkes auf der anderen Seite,
einengende, hasserfüllte Emotionen auf Seiten des Vaters und die Leichtigkeit seiner Tochter,
eine Generation der Verbitterung und eine der Hoffnung,
bis hin zu dem Ort der Handlung: das konservative Italien, konfrontiert mit aufkeimender Sexualität.
_
Ein gelungener Debütroman in direkter, unverblümter Sprache! Enrico, der im Stahlwerk Lucchini arbeitet bzw. kürzlich gefeuert wurde, ist im Laufe der Zeit verbittert geworden. Seine Ehefrau Rosa bezeichnet er als Hure und auch auch für seine Tochter empfindet er mehr Hass und unterdrückte Wut als Liebe. Auslöser ist die Veränderung des pubertierenden Körpers, die ihn in den Wahnsinn treibt. Nun meint er, seine Tochter ständig kontrollieren zu müssen und verbringt seine Freizeit mit einem Fernglas am Fenster, um ihren Bikini-Körper am Strand beobachten zu können. Allein schon der Gedanke an potentielle männliche Verehrer löst bei ihm Geschreie und Tobsuchtsanfälle aus.
Währenddessen warten Francesca und ihre Freundin Anna auf die Welt, das richtige Leben. Wie die Zwanzigjährigen möchten sie Cocktails trinken, hohe Schuhe tragen und sich mit allen denkbaren Accessoires schmücken. "Die Welt musste erst noch kommen. Die Welt kommt mit 14." So jedenfalls ihre Hoffnung. Aber auch nun tun sie einiges, um diese Welt zu erforschen, die ihnen noch so fremd erscheint. Vor allem die aufkeimende Sexualität. Ganz bewusst spielen sie mit ihren jugendlichen Reizen, locken die Blicke der Männer auf ihre Körper und spielen auf deren erotische Fantasien an. Für Francesca bleibt alles nur ein Spiel. Sie ist wie ihre Mutter täglich den Misshandlungen ihres Vaters ausgesetzt und wünscht ihm den Tod ihm Stahlwerk, um endlich frei von Angst zu sein. Niemals wird sie einen Mann lieben können, denn eines steht für sie fest: Männer sind Monster. Eine These, die sich für das Mädchen jeden Tag unter Beweis stellt und im Laufe der Zeit verschlimmert sich ihre Situation nur noch. Als sich dann auch Anna zunehmend von ihr abwendet, gerät ihre Welt völlig aus den Fugen. Anna hat sie verraten, ihre Freundschaft mit Füßen getreten und ihr Versprechen gebrochen. Sie tat das schlimmste, das man tun kann: Sie verliebte sich in einen Jungen.
_
Interessant sind die Personenkonstellationen und die Ausstattung der Charaktere. Im Gegensatz zu den beiden Mädchen, die ihr Leben in vollen Zügen ausschöpfen möchten und von einer besseren Zukunft träumen, stehen die Fabrikarbeiter und die Familien der beiden. Sie werden mit der harten Realität konfrontiert, mit Sorgen, Geldnöten, Spielsucht, dem Arbeitsplatzverlust und brutalen Gewaltübergriffen. Immer mehr erhält man den Eindruck, Stahl sei ein Symbol für die Härte des Alltags, der Realität. Hochinteressant ist der Schreibstil der Autorin, die es versteht, die Handlung plastisch zu schildern und somit lebendig werden zu lassen. Der Text ist angenehm lesbar. Es entsteht eine enorme Spannung, sodass man das Buch nicht mehr zur Seite legen kann, sondern unentwegt weiter lesen möchte. Die Frage etwa, wie sich Francesca entwickelt und ob sich ihre Mutter dazu überwinden kann, sich von ihrem gewalttätigen Mann zu lösen, um damit das eigene und auch das Leben ihrer Tochter zu retten, will geklärt sein. Besonders spannend ist die Parallelität der Schicksale der unterschiedlichen Charaktere.
_
Fazit: Das Buch behandelt brisante Themen wie etwa häusliche Gewalt, Gewalt in der Ehe, Misshandlungen, eine durch Arbeitslosigkeit ausgelöste Perspektivlosigkeit mit Hang zu kriminellen Handlungen oder sogar die mögliche sozialen Exklusion. All diese Phänomene schildert die Autorin auf sehr eindrucksvolle, anrührende Art und Weise anhand der Entwicklung der beiden Mädchen in ihrer Jugend. Ein aufrüttelndes Buch, das auf so manches Problem der Gesellschaft aufmerksam macht. Außergewöhnlichen, einzigartig und daher lesenswert!

5 Sterne!

1 Kommentar:

  1. Das klingt nach einem wirklich guten Buch und wandert gleich mal auf die Wunschliste. Schade, denn erst vor kurzem wurde es bei vorablesen verlost, aber da hat mich die Beschreibung nicht so angesprochen.

    AntwortenLöschen