Sonntag, 6. März 2011

Der gute Herr Jesus und der Schurke Christus - Philip Pullman


"Gott wird sein Reich auf seine Art bringen, und zwar dann, wenn es ihm gefällt."
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Philip Pullman, Autor des bereits verfilmten Romans "Der goldene Kompass", erzählt eine radikal provozierende Geschichte, die keinesfalls als frohe Botschaft bezeichnet werden kann.
Jesus und Christus sind nicht ein und dieselbe Person, sondern Zwillinge!
Am Anfang des Buches scheint es so, als sei Christus der gute Herr und Jesus der Schurke. Denn Jesus ist der aktivere der beiden Brüder, der aufmüpfige, der gegen die vorgegebene Ordnung Widerstand leistet und dadurch auch seinen Eltern Kummer nicht erspart. Christus hingegen ist ruhig und traditionsbewusst. Die heilige Schrift kennt er nur allzu gut.
Relativ schnell stellt sich heraus, was Christus von seinem Bruder möchte. In der Wüste übernimmt er die Rolle des Bösen, indem er seinen Bruder zu bewegen versucht, feste Glaubensregeln aufzustellen und somit ein System für die einfachen Leute zu schaffen. Jesus lehnt entschieden ab. Aufgrund zunehmender gesellschaftlicher Ungerechtigkeiten trifft er dann doch den Entschluss zu predigen und das Wort Gottes zu verkünden.
Dabei provoziert er ganz bewusst. Jesus vergibt Sünden und macht keinen Unterschied zwischen seiner Familie und Außenstehenden, vielmehr sieht er in jedem einen Bruder oder eine Schwester.
Während Jesus aktiv Menschen begegnet und ihnen hilft, hält sich Christus unauffällig im Hintergrund. Angestiftet von einem mysteriösen Fremden schreibt er Jesu Worte, ohne dessen Wissen, auf. Dabei verzichtet er nicht auf zahlreiche Veränderungen und Verbesserungen.
Schließlich geht es um die Wahrheit, die festgehalten werden soll und nicht um historische Fakten.
Am Schluss ist es Christus, der Jesus auf Befehl eines Engels verraten soll. Die Auferstehung ist eine Inszenierung, die Menschen dazu bewegen soll, Gutes zu tun.
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Dieser Band regt zum Nachdenken an über den historischen Jesus und den Christus des Glaubens. Pullman greift dabei sowohl Politik und Gesellschaft als auch Religion und insbesondere die Institution Kirche an, deren Machtstrukturen und Regeln oftmals Negatives bewirken. Das Buch ist eine kritische Auseinandersetzung mit eben diesem Negativen. Der Text ist in einzelne Kapitel unterteilt und gut lesbar. Es handelt sich um eine Mischung aus biblischem Wissen und Fiktion. Besonders interessant ist das Kapitel Jesus im Garten Gethsemane. An dieser Stelle zweifelt er an seinem Glauben und beklagt sich darüber, dass er von Gott niemals eine Antwort erhält. Hier lehnt er eine organisierte Form der Kirche erneut entschieden ab. Falls es dennoch zu einer Institution kommen sollte, wünscht er sich folgendes:

"Dass eine Kirche, die in deinem Namen aufgebaut wird, arm bleibt, arm und machtlos und bescheiden. Dass sie über keine andere Autorität verfügt als über die Autorität der Liebe. Dass sie niemanden ausschließen darf."
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Fazit: Eine außergewöhnlicher Text, der auch unangenehme Aspekte anspricht und zur Reflektion der Akte Jesu anleitet.

4 Sterne

Ein herzliches Dankeschön dem Fischer Verlag!

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